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Aktuelles Datum und Uhrzeit: Mo 05.12.2016 17:44 Benutzername: Passwort: Auto-Login

Thema: Kreativitätsprobleme, oder: vom Fluch der Freiheit vom 02.02.2006


Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen MGi Foren-Übersicht -> Ausbildung -> Kreativitätsprobleme, oder: vom Fluch der Freiheit
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Verfasst Do 02.02.2006 20:10
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Kreativitätsprobleme, oder: vom Fluch der Freiheit

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seid gegrüßt.

eines vorweg: dieser thread ist sehr persönlich und beschäftigt sich mit dingen, die ich erfahren habe. ich bezweifele, dass das von großem öffentlichen interesse ist, da ich nicht zu den stammusern hier gehöre und mich keiner kennt. aber vielleicht hat jemand schonmal ähnliche erfahrungen gemacht oder kann zu einzelnen punkten ein statement abgeben. vielleicht wird dieser beitrag aber auch ungelesen in der datenbank herumlungern, dann ist es eben so.

um mein problem zu verstehen, muss ich erst etwas von mir erzählen. ich mache eine ausbildung zum mediengestalter (print/design) bei einer recht guten werbeagentur. ich bin jetzt im zweiten lehrjahr und stehe kurz vor der zwischenprüfung. rein theoretisch betrachtet gehöre ich nicht zu den unbegabten leuten. mein jahreszeugnis der berufsschule weist einen schnitt von 1,0irgendwas auf, und in der agentur sind alle scheinbar auch zufrieden mit mir. ein kürzlich von mir allein durchgeführtes projekt kam beim kunden so gut an, dass er mir und meiner kollegin aus dem kontakt dafür sogar 4 tage urlaub in berlin gesponsort hat. gemessen am klassendurchschnitt in der schule gehöre ich wohl zu denen, die über dem durchschnitt liegen, ich weiss, dass ich wesentlich bessere dinge gestalten kann als mindestens 2/3 aller klassenkameraden.

und dennoch habe ich schon mehrmals darüber nachgedacht, die ausbildung abzubrechen. ich habe große zweifel, dass die ausbildung das richtige für mich ist, und ich würde nie auf die idee kommen, mich als mediengestalter oder gar als künstler zu bezeichnen.

ihr kennt bestimmt alle den film matrix, erster teil. es gibt die szene, wo neo das orakel aufsucht. er betritt einen raum voller kinder, die unglaubliche dinge tun: sie lassen gegenstände schweben und verbiegen löffel ohne sie zu berühren. neo ist beeindruckt von ihrem können, er fragt sich wie soetwas möglich ist und scheinbar davon überzeugt, soetwas niemals im leben vollbringen zu können. genauso geht es mir, wenn ich mir artworks anschaue. allein die dinge der user hier im forum: das meiste davon ist genial, prächtig, beeindruckend, wunderbar, eine augenweide, voller ästhetik, voller schönheit, voller aussagekraft. für mich sind leute, die sowas erstellen, keine normalen menschen. normale menschen können soetwas nicht. diese leute haben eine besondere gabe, ein besonderes talent, eine fähigkeit, die über die der anderen hinausgeht.

für diese leute ist eine weiße leinwand eine spielwiese voller möglichkeiten, voller chancen, voller selbstverwirklichung. sie sehen tausend bilder in ihrem kopf, sie geben sich ihnen hin und machen sie real, sie zeichnen, malen, illustrieren, layouten, gestalten, erschaffen welten, dinge, charaktere, landschaften, schönheit, emotionen und gefühle. aber ich verstehe nicht, wie man soetwas macht. wenn ich illustrator starte, einfach um mich zu beschäftigen, ist da nichts in mir, das raus will. ich ziehe ein paar kreise und rechtecke auf, schiebe sie durch die gegend, aber da ist nichts was meine hand leitet, was mir sagt was ich tun soll. aus mir sprudeln keine bilder, mein geist ist leer und der wille zu gestalten fehlt mir. jedesmal muss ich resignieren, das programm beenden und irgendwas anderes machen. konsumieren statt kreieren, weil das einfacher ist.

alles, was ich bisher produziert habe, ist für mich ein rein zufälliges ergebnis von gestalterischen experimenten. wenn ich dazu gezwungen werde, etwas zu erzeugen, dann sagt mein geist nicht "es muss so aussehen, so und nicht anders, so ist es richtig." sondern er sagt "hm, ja... also... ich könnte vielleicht hier ne fläche hinsetzen... ah ne, sieht doof aus. ne andere fläche vielleicht... joah, kommt hin.... mal die farben ausprobieren... magenta? ne. rot? hm. grün? hm. weiss auch nich. ich lass es einfach blau, wird schon passen." meine arbeit ist ein ständiges suchen nach etwas, dass ich selbst als gut klassifizieren würde.

das kann ich relativ gut: die spreu vom weizen trennen. ich erkenne auf anhieb, ob ein artwork gut oder schlecht ist. ich besitze schon die fähigkeit, ästhetik und schönheit zu erkennen. aber ich kann sie nicht erzeugen. wenn ich ein artwork betrache, weiss ich einfach nicht, wie man auf die idee kommt, soetwas zu machen. warum hat der erzeuger das genau so gemacht und nicht anders? woher hat er gewusst, dass es genau so richtig toll aussieht?

wer kreativ ist, wünscht sich freiheit. freiheit, die seinem geist freien lauf lässt, sich zu entfalten. ich dagegen empfinde freiheit als einschränkung. ich freue mich über vorgaben bezüglich farben, mustern, formen, denn dann muss ich sie nicht erst selbst finden. ist kreativität wirklich nur die suche nach dem besten ergebnis? ist kreativität nichts anderes als experimente anzustellen? oder ist kreativität die fähigkeit, den biderln in seinem kopf ausdruck zu verleihen und der welt etwas zu vermitteln?

ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass ich nicht zum mediengestalter geboren wurde. ich werde die ausbildung beenden, so gut ich kann, aber ich werde nicht weiter auf dieser ebene arbeiten. ich kann nichtmal zeichnen. jedenfalls glaube ich das, denn ich habe noch nie den drang verspürt, es mal über das scribbeln hinaus zu tun. ich wüsste garnicht, was ich zeichnen soll. und so geht es mit allem, was gestaltung angeht. zur zeit versuche ich mich daran, elektronische musik zu produzieren, und da ist es genauso. alles, was ich mache, hätte ich genausogut auch anders machen können. alles ist das ergebnis von experimenten. hier den regler drehen, da den knopf drücken.

das alles macht mich ziemlich traurig. ich bewundere leute, die gestalten können. ich bewundere künstler, fotografen, illustratoren, designer, architekten, konstrukteure. ich bin zutiefst beeindruckt von ihren fähigkeiten und ich wünschte mir, das auch zu können. aber ich kanns nicht. ich mogle mich durch. irgendwie. aber meine berufung ist es nicht. ich weiss nicht, was ich nach der lehre machen soll. auch hier kann ich nur experimentieren, ausprobieren und hoffen.

aber ich bin gespannt, wie es weitergeht, denn weiter geht es immer, irgendwie.

allen, die meinen text gelesen haben, sage ich danke für eure aufmerksamkeit. freut euch, dass ihr meine probleme nicht habt, denn ihr habt etwas gefunden, dass euch liegt. eure suche ist beendet und ihr seid bereits auf dem richtigen weg. macht weiter so, hört niemals auf kreativ zu sein, und lasst euch niemals mehr einschränken als ihr tolerieren könnt. ihr gestaltet und designt unsere welt, und ohne euch wäre sie leer, öde und langweilig.

alles gute für die zukunft.

liebe grüße,
tristan.
 
Matthias83

Dabei seit: 08.05.2003
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Alter: 33
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Verfasst Do 02.02.2006 20:22
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Hmm, du meinst du trittst auf der Stelle? Kenn ich alles. Lass dich nich von den Guten abschrecken, sammel Eindrücke, wenn dir was gefällt speicher es ab, versuche immer dich selbst zu toppen. Du wirst merken wenn du die Sachen später anschaust die dir früher gefallen haben das sie an Glanz verlohren haben, ganz einfach weil du besser geworden bist.

Von nix kommt nix. Manchmal hat man halt keine Lust, ist ausgebrannt.
Da muss man sich zusammenreissen.

Manchmal hab ich Ideen wo ich denke "Oh man, Spitzenidee, aber die Umsetzung trau ich mir nich zu"
Falsche Einstellung.

Einfach machen, sein eigenen Standard immer höher setzen, Progress kommt von alleine,
nicht stetig, ma mehr ma weniger, aber er kommt.

Für mich persönlich ist es wichtig so vielschichtig wie möglich arbeiten zu können, wenns ma zB mit der Fotografie
nicht weitergeht arbeite ich an anderen Skills weiter. Hauptsache nicht auf der Stelle treten.

Ach ja, zeichen "kann" ich auch nicht wirklich. Aber ich arbeite daran *zwinker*

So far, Matt


Zuletzt bearbeitet von Matthias83 am Do 02.02.2006 20:29, insgesamt 2-mal bearbeitet
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waiu

Dabei seit: 16.04.2002
Ort: -
Alter: -
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Verfasst Do 02.02.2006 20:27
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Hallo Tristan,

ich habe Deinen Beitrag ganz durchgelesen und habe mich teilweise darin wiedergefunden. Vielleicht aber in der umgekehrten Richtung: Eine Idee fährt wie ein Blitz duch mich durch und ich weiß genau was ich zu Papier bringen möchte, scheitere aber an der Hürde der technischen Umsetzung.

Erst einmal finde ich Deinen Mut zur Selbstkritik bewundernswert. Du hast die Fähigkeit dich objektiv "von außen" zu betrachten und das haben nicht viele. Und ich möchte Dir auch sagen, dass Du Deine "Ziele" oder das Maß vielleicht etwas zu hoch ansetzt.

Viele kreativ arbeitende Menschen produzieren ausschließlich nach Vorgaben und Wünschen. Mediengestalter ist ungleich Künstler. Wir sind die umsetzende Instanz des Kundenwunschs. Wir machen Werbung, nicht mehr - nicht weniger.

Das etwas aus dem Zufall heraus geschieht ist doch nichts schlimmes. Try & Error ist mein täglich Brot! Die genialsten Erfindungen sind aus einem Zufall und dem Prozess heraus entstanden.

Mach Deine Ausbildung auf jeden Fall zuende - so gut wie du kannst und dann atme nochmal tief durch.
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CrazyGecko

Dabei seit: 09.01.2003
Ort: Augsburg/Pfersee
Alter: 41
Geschlecht: Männlich
Verfasst Do 02.02.2006 20:42
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Ich schließ mich waiu an und finde, dass Du mit dem Mut zur Selbstkritik und diesem "von außen betrachten" ne Gabe hast, die nicht jeder hat!

Ich bin ganz ehrlich ... das mit dem Experimentieren ist bei mir ganz ähnlich! Vieles basiert bei mir auf ner groben Grundidee, die dann durch ewiges hin und her probieren verfeinert wird ... bis ich irgendwann da sitze und sage "Das is es!". Oft sag ich nach Tagen oder Wochen dann - DAS hättest Du aber noch anders machen können ... aber sowas heb ich mir dann für das nächste Mal auf! So siehts zumindest bei "künstlerisch wertvollem" Arbeiten aus ....

Im Job als Mediengestalter seh ich auch nur sehr selten die wirklich kreative Seite ... da ist es das bereits erwähnte abarbeiten von Kundenwünschen nach Kundenregeln ... da ist ganz selten Platz für viel eigene Kreativität ... is aber auch projektabhängig!

Diese Angst vor der Freiheit, alles tun zu dürfen kenn ich gut ... aber da muss es eben im Kopf SCHNIPP (oder SCHNAPP) machen und man muss diese Freiheit zu nutzen wissen ... man muss es sich einfach ZUTRAUEN einen völlig eigenen Gedanken / Entwurf zu präsentieren ... und selbst wenn man experimentiert hat - auch das muss man verkaufen können! Übung macht den Meister - und ein solcher ist noch nie vom Himmel gefallen ...

Aber ist doch schön, wenn Du so kritisch mit Dir umgehen kannst ... nur darf man es nicht übertreiben ... man muss auch mal mit weniger zufrieden sein. Oder eben akzeptieren, dass andere es gut finde (also der Kunde) obwohl man es selber nicht leiden kann! Sein eigenes Ding machen und auf die Meinung anderer pfeifen is im Job oft nicht machbar ... da muss es meist der Kompromiss sein! Privat ist das aber null problemo! Naja, und so muss man eben seine Wege irgendwo da durch finden ...

Gruss,
crazygecko


Zuletzt bearbeitet von CrazyGecko am Do 02.02.2006 20:45, insgesamt 1-mal bearbeitet
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Gretatop10

Dabei seit: 29.03.2004
Ort: -
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Verfasst Do 02.02.2006 20:50
Titel

bla

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Hast du schon mal darüber nachgedacht Texter oder ähnliches zu werden? Du kannst super schreiben!!!
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Nimroy
Community Manager

Dabei seit: 26.05.2004
Ort: zwischen Köln und D'dorf
Alter: 38
Geschlecht: Männlich
Verfasst Do 02.02.2006 20:53
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Du hast es zwar im OT erstellt, aber wie dir die zahlreichen anderen Antworten beweisen, eht es auch anderen Leuten i ihrer Ausbildung so. Ich ehre diesen Thread, indem ich ihn in den Bereich Ausbildung schiebe.
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POCHOIR

Dabei seit: 31.01.2006
Ort: -
Alter: -
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Verfasst Do 02.02.2006 21:16
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Respekt an deine Ehrlichkeit...

mein Statement dazu: Du bist nicht alleine, es gibt auch andere "Kinder" die genau so denken wie Du!
Aber die Tatsache dass du bereit bist zu experementieren, beweißt dass du auf dem richtigen Weg bist...

Picasso malte manchmal bis zu hundert Bilder zu einem Sujet, und warum...weil er experementierte!!!
weil er wußte, dass das Ergebnis ihn nicht befridiegte...
frag mal die Hardcore Designer hier...(dabei denke ich an Pseudoheld, SL-Design, Morfkor oder den ron21)
wie lange die an einem Artwork arbeiten!!!!



mein Tipp....bleib dabei!


Edit: http://www.mediengestalter.info/forum/20/cover-52880-1.html
lese dir diesen Thread durch...der passt so wunderbar zu dieser Thematik....


Zuletzt bearbeitet von POCHOIR am Do 02.02.2006 21:23, insgesamt 1-mal bearbeitet
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Duddle

Dabei seit: 22.07.2005
Ort: Dresden
Alter: 32
Geschlecht: Männlich
Verfasst Do 02.02.2006 21:37
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Es ist erschreckend, wie oft ich bei deinem Beitrag (und der Begriff „Beitrag“ passt endlich mal) mich selbst wiedererkannte. Daher glaube ich, zumindest teilweise dein Problem zu kennen. Du bist ein Perfektionist. Gleichzeitig hälst du aber nicht viel von dir, weil du immer wieder so viele scheinbar Bessere siehst.

Diese Einstellung hat mich vor 2 Jahren auch gequält, als es an die Wahl der Berufsausbildung ging. Trotz eines guten Abiturs und jahrelanger Erfahrung mit Computern wollte ich einfach nicht einsehen, warum ich mich es zum Fachinformatiker FR Systemintegration schaffen könnte (obwohl man dafür nichtmal Abi braucht). Ständig dachte ich: „Fachinformatiker, da sitzen doch sicher nur die absoluten Profis“ und „Ich kann ja nichtmal ansatzweise programmieren“. Dadurch hätte ich es fast geschafft, gar keine Ausbildung zu beginnen.

Jetzt, nach anderthalb Jahren habe ich erkannt, wie gut ich eigentlich bin. Natürlich gibt es immer Leute, die einfach besser sind. Die grandiosen Quelltext produzieren oder mit Cisco-Geräten umgehen, dass man nur staunen kann. Auf der anderen Seite bin ich, bist du, sehr viel besser als das Groh der Mit-Azubis (und meist auch der Ausbilder). Erkennst du das, werden dir plötzlich Sichtweisen und Optionen klar, die dir in deiner staunenden und geduckten Haltung entgangen sind.


Perfektionisten haben es schwer. Aber selbst die vertrauen ab und zu auf Trial&Error * Ja, ja, ja... *


Duddle, der diesen Thread sehr mag
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